Sprintrennen = MotoGP 2.0

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Das MotoGP Rennen am Spielberg hat viel geboten, worüber ich schreiben könnte. Da wäre die herausragende Leistung von Ayumu Sasaki, der trotz zwei Long-Lap-Penalties den Sieg in der Moto3 Klasse einfuhr. Oder das Moto2 Rennen mit dem teaminternen Kampf zwischen Ai Ogura und Somkiat Chantra, welcher bis zum Schluss Spannung bot. Ich könnte auch ganz einfach über die Dominanz von Ducati in der MotoGP und die sehr gute Leistung von Fabio Quartararo schreiben. All diese Themen wären gut gewesen, um einen Blogpost zu füllen. Mir war sehr schnell klar, dass es für mich aber ein anderes Thema gibt. Ein Thema, was mit dem Renngeschehen vom vergangenen Sonntag nichts zu tun hatte, aber mit den künftigen.

Ab der nächsten Saison wird an jedem Samstag zusätzlich ein Sprintrennen ausgetragen. Mit einer kürzeren Rundenanzahl und nur halben Punkten, soll es so für den Zuschauer spannender werden. Spannender? Ist die MotoGP langweilig geworden? In der aktuellen Saison und den beiden vergangenen Saisons war das Fahrerfeld sehr eng beieinander. Die Rennen waren durchweg spannend. Oder kam es mir nur so vor?

Die Hoffnung ist, dass das neue Konzept mehr Zuschauer an die Rennstrecke lockt. In Jerez waren am gesamten Rennwochenende nur 123.000 Zuschauer (2019 waren es 151.000) vor Ort. Noch erschreckender sind die Zahlen aus Mugello, nur noch 74.000 Zuschauer zählte das gesamte Rennwochenende. Das ist ein Rückgang von über 40% gegenüber 2019 mit 139.000 Zuschauer. Schaut man sich nur diese Zuschauerzahlen an, sind Überlegungen für eine Neuerung nachvollziehbar. Demgegenüber stehen aber neue Rekordzuschauerzahlen von Le Mans (2019 – 206.000 / 2022 –  225.000) und dem Sachsenring (2019 – 201.162 / 2022 – 232.000). Betrachtet man also auch diese Zahlen, stellt sich schnell die Frage, warum mancherorts die Zuschauerzahlen fallen, und an anderen nicht. 

Ein Grund liegt schnell auf der Hand. Es fehlen die großen Namen, allen voran Valentino Rossi. Er zog die Zuschauer an die Strecke wie kein Zweiter. Zudem fehlte immer mal wieder Marc Márquez über eine längere Zeit. Die großen Namen (Rossi, Marquez, Lorenzo, etc.) des MotoGP Sports zogen die Zuschauer an die Strecke. Sie hatten Ecken und Kanten, da wirken die heutigen Fahrer doch oft farblos. Für sie scheint es schwerer zu sein, die Fans an die Strecke zu ziehen. Die Ausnahme bildet beim Frankreich GP nur Fabio Quartararo, der seine Fans an die Strecke zog. Lässt man das außer Acht, gibt es zudem erhebliche Unterschiede in der Ticketpreisgestaltung. In Mugello kostete das billigste Wochenendticket 150 Euro. Das ist fast doppelt so viel wie in Frankreich. Da war es dann nicht verwunderlich, dass die Tribünen in Mugello leer blieben. An Rennstrecken wie Le Mans, Spielberg oder dem Sachsenring wird dem Zuschauer ein umfassendes Rahmenprogramm geboten. Mit Autogrammstunden, Ausstellungen, Freestyle-Shows und Konzerten lohnt sich der Ticketkauf gleich doppelt. Unterhaltung ist an diesen Strecken auch abseits der Rennen also garantiert. Ob es da dann noch zusätzlich Sprintrennen braucht?

Bei den neuen Sprintrennen darf eine Sache nicht außer Acht gelassen werden. Mit den Sprintrennen wächst die Belastung der Fahrer und Teams. Die Motorräder müssen am Wochenende schneller abgestimmt werden, damit schon am Samstag für das Sprintrennen alles perfekt ist. In der Superbike-WM gibt es ein ähnliches Konzept. Es werden sogar mit dem Hauptrennen am Samstag, dem Sprintrennen und dem zweiten Hauptrennen am Sonntag mehr Rennen gefahren, als es in der MotoGP Saison 2023 angedacht ist. Aber lässt sich denn überhaupt die MotoGP mit der Superbike gleichsetzen? Ich finde nicht. Ein MotoGP Motorrad verfügt über viel mehr Elektronik und Teile, die die Aerodynamik unterstützen sollen, als ein Superbike Motorrad. Das macht die Einstellung und Konfiguration der Motorräder komplex und zeitaufwendig. Die Superbike-WM ist eine seriennahe Weltmeisterschaft, während die MotoGP mit Prototypen fährt. Also ist es dann richtig, sich an dem Superbike System ein Beispiel zu nehmen? Vor allem dann, wenn für die MotoGP Teams nicht mehr Reifen oder Motoren zur Verfügung gestellt werden. Also die Annahme, dass die MotoGP Fahrer in den Sprintrennen noch mehr geben als im Hauptrennen, ist nicht ganz richtig. Denn die Teams müssen bei der doppelten Anzahl an Rennen mit den ihnen zur Verfügung gestellten Ressourcen haushalten.

Zudem ist die doppelte Anzahl an Rennen auch eine große Belastung. Viele Strecken im Kalender fordern den Fahrern jetzt schon alles ab, da erhöht sich mit einem Sprintrennen automatisch die Belastung. Was ist, wenn das Schlimmste eintritt und sich ein Fahrer verletzt? Der Fahrer wird mehr Rennen verpassen und dadurch in der WM das Nachsehen haben. Was ist mit dem Risiko, dass der verletzte Fahrer zu schnell wieder zurückkommt, um nicht zu viele Punkte zu verlieren. Was passieren kann, haben wir alle bei Marc Marquez erlebt. 

Die Fahrer klagen jetzt schon, dass der Rennkalender immer voller wird. Da ist es dann auch nicht verwunderlich, dass der Beschluss der Dorna und FIM nicht durchgängig gut angekommen ist. Was aber noch übler aufgestoßen ist, war die Tatsache, dass die Fahrer gar nicht in die Entscheidungsfindung mit einbezogen wurden. Es wurde ihnen lediglich in der Safety Commission am vergangenen Rennwochenende am Spielberg kundgetan. Sie hatten keinerlei Möglichkeit, ihre Bedenken zu äußern. Es war sogar noch schlimmer. Am Freitag ist die Meldung über die Neuerung schon zu den Journalisten durchgesickert und die Fahrer wurden gleich damit konfrontiert. Dass sie sich da vor den Kopf gestoßen fühlten, ist verständlich. Sie sind die, die am Ende die Show liefern sollen und wurden doch gar nicht gefragt. Wer aber gefragt wurde, waren die Fans. In einer weltweiten Umfrage durch die Dorna konnten die Fans ihre Meinung zur MotoGP äußern. Was mir als Teilnehmer der Umfrage gleich ins Auge gesprungen war, war die immer wiederkehrende Thematik der Sprintrennen. Damals dachte ich mir doch “Die ziehen doch nicht ernsthaft Sprintrennen in Erwägung?“. Doch taten sie. Schade, bessere Ticketpreise wären mir lieber gewesen. 

Ob durch die Neuerung wirklich mehr Spannung erzeugt wird, bleibt offen. Genau so offen, ob die Sprintrennen auch als GP Sieg gewertet werden. Falls ja, fallen die uralten Rekorde von Agostini (122) und Rossi (115) sehr schnell. Auch bleibt offen, ob die Qualifyings zusammengelegt werden, um die Belastung der Teams und Fahrer zu minimieren. Bleibt zu hoffen, dass die offenen Punkte noch geklärt werden. Ebenso zu hoffen bleibt, dass die Fahrer sich zu einer Vereinigung zusammenschließen, damit sie nicht mehr übergangen werden. Hoffen wir, dass weiterhin in der MotoGP der Sport im Vordergrund steht.

Eure Miss MotoGP

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